Die Medizin begann am Wasser

Wassertreten, Dauerbrause, Thalasso – heute ist die Hydrotherapie vielseitiger denn je. Ihr  Ursprung reicht jedoch weit zurück.

VON Gert Dorschner; Foto: creative collection

Seit Menschengedenken sind die heilenden Kräfte des Wassers bekannt. Im Altertum waren Wasserfälle und Quellen oft heilige Orte. Druiden und Schamanen  – die Priester der Kelten und die Heiler der Naturvölker Nordeuropas – nutzten Wasser für ihre religiösen und spirituellen Rituale. Noch heute können Menschen die energetische Kraft an diesen Orten spüren. Während der Christianisierung wurden nicht wenige dieser Plätze dazu genutzt, um Kirchen und Taufkapellen darauf zu errichten. Heute stehen an diesen wunderbaren Kraftorten oft Altäre. Auch die Badekultur hat eine lange Tradition. Ausgedehnte Anlagen in Ägypten, der Türkei, Griechenland und vielen anderen Orten lassen darauf schließen, dass Bäder damals nicht ausschließlich der Hygiene dienten, sondern auch der Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens. Die Römer bauten in der Antike öffentliche Bäder, mit warmen und kaltem Wasser, Fußbodenheizung und Dampfbad.

Im Hochmittelalter entdeckte man dann den Nutzen von Mineralquellen. Es entstanden Mineralbäder und erste Kuranstalten, gleichzeitig wurde die innerliche Anwendung von Wasser populär. Ihre Blütezeit erreichten die deutschen Heilbäder im 19. Jahrhundert; zu dieser Zeit begannen Naturheilkundige, Wasser zur Heilung von Krankheiten einzusetzen – vor allem der Laienmediziner Vinzenz Prießnitz, Impulsgeber der Naturheilbewegung und Namensgeber des Deutschen Naturheilbundes. Berühmt geworden ist die Kaltwasserbehandlung dann durch den Pfarrer Sebastian Kneipp, der die hydrotherapeutischen Maßnahmen um die Pflanzenheilkunde ergänzte und sie zusammen mit der Ernährungstherapie, der Bewegungs- und Ordnungstherapie in einem Fünf-Säulensystem bekannt machte. Bis heute ist Wasser eines der wichtigsten Heilmittel, um im Wortsinn „alles in Fluss zu halten“ und Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen.

 

Gert Dorschner ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Notfallmedizin, Naturheilverfahren und Ernährungsmedizin. Sein Großvater, der Heilpraktiker Alfred Dorschner und sein Vater Dr. med. Friedrich Dorschner haben die Quellwasser-Dauerbrause (siehe rechts) in Deutschland bekannt gemacht.

 

Sommer, Sonne, Wasser

Die Hydrotherapie nutzt die Wärme- und Kältereize des Wassers, die nicht nur lokal wirken, sondern den gesamten Organismus beeinflussen. Einige Anwendungen machen jetzt im Sommer richtig Spaß – und sind kostenlos.

Fußbad

Kalte Fußbäder helfen insbesondere bei Venenleiden und Krampfadern, aber auch bei Kopfschmerzen, Migräne und Überhitzung, etwa an warmen Sommertagen.

Für ein Fußbad ein Gefäß mit dem kalten Wasser füllen (Wassertemperatur ca. 10-16°C) und beide Füße hineinstellen, wobei das Wasser bis unter das Knie reichen sollte. Solange verweilen, bis sich ein Kälteschmerz einstellt oder sich das Wasser nicht mehr kalt anfühlt (max. 60 Sekunden). Anschließend Wasser abstreifen und Beine im Bett oder durch aktive Bewegung wiedererwärmen. Anschließend ggf. warm anziehen (Wollsocken). Bleiben die Füße kalt, war der Reiz zu stark.

Wirkung: Aufgrund des Kaltreizes verengen sich zuerst die Gefäße, und stellen sich anschließend wieder weit, was die Durchblutung fördert und die Wärmeproduktion im Körper erhöht. Ein kaltes Fußbad wirkt schlaffördernd, stärkt die Fußmuskulatur, bringt das Immunsystem und den Kreislauf in Schwung (Nur mit warmen Füssen anwenden).

Wassertreten

Das kalte Wassertreten bei einer Wassertemperatur ca. 10-16°C ist die bekannteste Therapie von Pfarrer Kneipp und eine Sonderform des Fußbades. Man geht dabei in einer Art Storchenschritt durch das Wasser oder tritt auf so auf der Stelle, dass jeweils ein Fuß immer vollständig aus dem Wasser angehoben wird (nur mit warmen Füssen anwenden!). Das geht übrigens auch gut in einem Bach, in einem Badesee oder dem Meer.

Barfuß wandern im Sand am Meer

Kühlung, Salzwasserwirkung und Training der Fußmuskulatur beim Barfußgehen ist eine der besten Therapien bei Senkspreizfüßen und Schmerzen in den Füßen (Metatarsalgie). Das kann gut mit Schlick- Packungen (auch bei Fußpilz) kombiniert werden.

Dauerbrause

Die Dauerbrause ist eine Entgiftungstherapie. Sie wird bevorzugt bei internistischen und rheumatischen Erkrankungen sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates angewendet. Akute Entzündungen und Krebs sind relative Kontraindikationen.

Bei der Dauerbrause werden Patienten 2 – 3 x pro Woche bzw. täglich mit warmen Wasser, das aus zwei -Meter Höhe kommt, geduscht. Sie liegen dabei auf einer Schaumstoffunterlage unter einem verstellbaren Duschkopf, der den gesamten Körper Stück für Stück von den Füßen bis zum Nacken (immer Richtung Herzen) jeweils 10 bis 15 Minuten mit sanftem Wasserstrahl massiert. Nach etwa der Hälfte der Behandlungszeit dreht sich der Patient um. Wichtig ist, dass es sich dabei um Quellwasser und nicht um wieder aufbereitetes Wasser handelt. Nur frisches Wasser kann – ähnlich wie eine homöopathische Trägerlösung – Krankheitsinformationen aufnehmen und ableiten. Menschen, die Elektrosmog ausgesetzt sind, berichten, dass langes Duschen sie regeneriert und entspannt.

 Wirkung: Wenn Wassertropfen aus den Düsen des Duschkopfes durch die Luft fliegen, laden sie sich durch die negative Ionisierung elektrostatisch auf. Beim Aufprall auf die Haut kommen sanfte Schröpfeffekte zustande. Die Massage der Wasserdüsen sorgt für eine Lymphdrainage. Durch die schrittweise Bebrausung entlang der Reflexzonen und Meridianverläufe wirkt die Dauerbrause wie eine Reflexzonentherapie; zudem massiert sie die Akkupressurpunkte, produziert sie eine örtliche Überwärmung mit Tiefenwirkung und entgiftet. Nicht zuletzt wirkt die die Dauerbrause durchblutungsfördernd.

Thalasso

So nennt sich die Therapie am und mit dem Meer. Sie nutzt das Reizklima mit Sonne,  Wind, frischer, feuchter, schadstoff- und pollenfreier Seeluft und das Meerwasser mit Salz, Algen und Schlick. Empfehlenswert ist eine Kur besonders bei allergischen Erkrankungen wie Asthma, Neurodermitis, chronisch obstruktive Bronchitis (COPD), chronische Sinusitis, chronische Rhinitis, Psoriasis und Beschwerden in Zusammenhang mit niedrigem Blutdruck. Patienten sollten sich hierfür zwei bis drei Wochen Zeit nehmen.

Wirkung: Die Atemwege werden durch die Luftreinheit geschont. Chronische Reizzustände und auch Entzündungszustände kommen zur Ruhe. Dies führt zur vertieften Atmung. Am Meer, insbesondere im kalten Klima an der Nord- und Ostsee wird dadurch die Wärmeproduktion im Körper gesteigert: Wir bekommen mehr Energie.

Eine Thalasso-Therapie wird heute auch in Zentren zusammen mit Massagen, Sporttherapie und Kursen wie Aqua Fitness oder Yoga angeboten. „Insbesondere Menschen mit Haut- und Atemproblemen profitieren davon“, sagt Ulrike Wehner, Sprecherin des Verbandes deutscher Thalasso-Zentren und Spa-Managerin. In der Brandungszone des Meeres ist die Konzentration der Salzpartikel in der Luft – der Aerosole – am höchsten. „Ein ausgedehnter Spaziergang an der Meereskante, bei dem die Beine immer wieder im Wasser sind – das ist bereits Thalasso.“

 

Adressen zertifizierter Thalasso-Zentren an den deutschen Küsten: www.thalasso-verband.de