Von Prof. Dr. med. Karin Kraft und Alois Sauer; Illustration: Adobe Stock/freshidea

An den medizinischen Leitlinien arbeitet jetzt auch die Deutsche Gesellschaft für Naturheilkunde mit. In Tübingen gibt es bald eine Professur für Komplementärmedizin.

Die Fachgesellschaft „Deutsche Gesellschaft für Naturheilkunde“ wurde am 10. November 2018 in die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Fachgesellschaften (AWMF) aufgenommen. Damit arbeitet nun neben der Gesellschaft für Phytotherapie eine zweite Gesellschaft aus dem Bereich Naturheilkunde und Komplementärmedizin an der Entwicklung und Aktualisierung der medizinischen Leitlinien mit, die im deutschen Gesundheitssystem so wichtig sind, und kann für eine fachlich korrekte Empfehlung entsprechender Diagnostik- und Therapieverfahren sorgen. Die Leitlinien sind zwar nicht rechtsverbindlich, aber sie sind wichtige Orientierungshilfen, nicht nur für alle im Gesundheitswesen tätige Berufsgruppen, sondern auch für Betroffene. Sie dienen auch Medizinstudierenden als Lerngrundlage. Damit werden naturheilkundliche und komplementärmedizinische Verfahren viel sichtbarer als bisher. Ärzte müssen diese Therapien dem Patienten alternativ zur schulmedizinischen Behandlung anbieten. Die Zustimmung zu einer Therapie ist andernfalls unvollständig und damit ungültig.

Staatlich finanziert     

Eine zweite positive Entwicklung ist, dass 2019 der erste Lehrstuhl für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Baden-Württemberg eingerichtet wird. Forschungsschwerpunkte sollen Ernährung, Probiotika und Akupunktur im Bereich Onkologie sein. Die Professur soll nach der fünfjährigen Anschubphase der Robert-Bosch-Stiftung anschließend aus dem Landeshaushalt finanziert werden. Das ist ein längst überfälliger Schritt: Alle anderen naturheilkundlichen Professuren in Deutschland werden seit Jahren nur über private Stiftungen finanziert. Deutschland hätte damit endlich einen – wenn auch vorerst bescheidenen – Anschluss an die stürmische internationale Entwicklung in diesem Bereich erreicht.

Dabei ist das Ringen um Anerkennung der Naturheilkunde in der Universitätsmedizin nicht neu: Bereits 1914 schrieb der Arzt Franz Schönenberger in einem Beitrag im Mitgliederorgan ‚Der Naturarzt‘: „Wer vor 25 Jahren mit Wasser, Luft und Licht behandelte, war ein Kurpfuscher, mochte er Arzt oder Laienpraktiker sein. (…) Man spricht in Universitäten von Umschlägen, Bädern, Packungen, vegetarischer Diät, Massage, Lichtbädern, Sonnenbehandlung, selbst Lehrstühle für Hydrotherapie, Massage, Lichttherapie wurden eingerichtet. Aber für die geschichtliche Entwicklung der Therapie hat man ein schlechtes Gedächtnis: Der Name ‚Naturheilkunde‘ wird nur in wegwerfendem Ton gebraucht.“

Erst in der Weimarer Republik setzten sich Politiker über den Widerstand der Ärzteschaft hinweg. Zunächst wurden 1920 in Berlin Lehrstühle für Naturheilkunde gegründet, fünf Jahre später in Jena. 1927 eröffnete der Deutsche Naturheilbund das ärztlich geleitete naturheilkundliche -„Prießnitz-Krankenhaus“ in Mahlow bei Berlin, das als Lehrkrankenhaus für Naturheilverfahren der Charité zugeordnet war. Übrigens: Dieses herausragende Projekt wurde von Spenden der Vereinsmitglieder und einem obligatorischen ‚Prießnitz-Pfennig‘ finanziert.

Prof. Dr. med. Karin Kraft ist Inhaberin des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Universitätsmedizin Rostock. www.naturheilkunde.med.uni-rostock.de
Alois Sauer ist Präsident des Deutschen Naturheilbundes eV.