Viele Menschen vertragen Weizen nicht gut, auch wenn sich bei ihnen keine Zöliakie feststellen lässt. Wie man Glutensensitivität erkennen und behandeln kann

Autor: Manfred van Treek; Foto: creativ collection

Bei der Zöliakie handelt es sich um eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit gegenüber dem Getreideeiweiß Gluten, die zu ausgeprägten Darmschäden (Atrophie) und schwerwiegenden Sekundärerkrankungen führt. Gluten ist das sogenannte „Kleber-Eiweiß“, das in Getreidesorten, etwa Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel und Hafer – enthalten ist und für gute Backeigenschaften sorgt, weil es den Teig locker und luftig werden lässt. Aber auch viele stark verarbeitete Produkte wie Fertigpizza oder Fruchtjoghurts enthalten Gluten.

Bei einer Gluten-Unverträglichkeit erfolgt eine Überreaktion des Immunsystems auf nur teilweise verdaute Gluten-Moleküle. Man geht davon aus, dass genetische Veranlagung dabei eine Rolle spielt. Bei etwa einem Drittel aller Menschen ist der Darm nicht in der Lage, alle Aminosäure-Bausteine des Gluten-Moleküls Gliadin vollständig abzubauen, so dass sie vom Organismus verstoffwechselt werden können. Allerdings erkranken an dieser schweren Form der Gluten-Unverträglichkeit nur etwa 0,5 Prozent aller Menschen, das sind laut Deutsche Gesellschaft für Zöliakie (DHZ) in Deutschland 400.000 Personen. Man geht deshalb davon aus, dass zu den genetischen Faktoren noch weitere Ursachen kommen müssen, um eine Zöliakie auszulösen, etwa Umwelteinflüsse.

Ärzte-Odyssee

Während das Weizen-Gluten als Auslöser der Zöliakie bereits im Jahr 1950 von dem holländischem Kinderarzt Willem Dicke entdeckt wurde, entwickelt sich das Bewusstsein für die Gluten-Sensitivität erst seit 15 bis 20 Jahren. So nennt man es, wenn Menschen ähnliche Symptome und Folgekrankheiten wie bei Zöliakie haben, die allerdings nicht so akut und ausgeprägt sind.

Bei echter Zöliakie sind die Symptome – unter anderen Durchfall, Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe, blutige und schleimige Stuhlgänge – so schwerwiegend, dass sich die Erkrankung anhand von Gewebeproben aus dem Dünndarm gut nachweisen lässt. Patienten mit Gluten-Sensitivität erleben hingegen leider häufig eine lange Odyssee zu vielen Ärzten, ohne dass die Diagnose gefunden wird. Dies liegt daran, dass entscheidende Ergebnisse der Diagnostik negativ ausfallen, etwa die der Transglutaminase-Antikörper. Dennoch hat der Patient typische, mit dem Verzehr von Gluten assoziierte Beschwerden.

Dahinter stecken folgende Mechanismen:

Nicht zu Ende verdaute Gluten-Peptide haben allergisierende und das Immunsystem irritierende Eigenschaften, so dass sowohl Allergien als auch Autoimmunkrankheiten, wie Diabetes Typ I, Hashimoto oder rheumatische Arthritis getriggert werden können.


Gluten und Peptide aus Gluten haben toxische Eigenschaften, so dass es zu einer chronischen Reizung der Darmschleimhaut mit entzündlicher Schwellung kommt. Im Zuge dieses Schleimhaut-Ödems kommt es zur Öffnung der „Tight-Junctions“ genannten Spalten zwischen den Darm-Epithelzellen, es entsteht das „Leaky-Gut-Syndrom“, der undichte Darm.


Infolge des Leaky Gut kommt es zu einem unerwünschten Substanzstrom in zwei Richtungen. Zum einen gelangen aus dem Darm giftige Substanzen, etwa Pestizide und Gifte, die bei der Verdauung entstehen, ins Blut – umgekehrt gehen Eiweißmoleküle, Vitamine und Spurenelemente aus dem Blut im Darm verloren.


Generell kommt es durch die kaugummiartige Klebrigkeit des Glutens innerhalb des Darms zu einer Bindung von Vitalstoffen. Deren Resorption ins Blut wird so verhindert.

Symptome  

Folgende Symptome und sekundäre Erkrankungen treten bei Gluten-Unverträglichkeit und Gluten-Sensitivität auf:

Verdauungsstörungen, Blähungen, Durchfall, Stuhlverhalt, Darmkrämpfe, Bauchschmerzen

Gedeihstörungen bei Kindern, -Gewichtsverlust bis Kachexie bei -Erwachsenen

Mangelzustände von Vitaminen und Spurenelementen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzrhythmusstörungen und Blutdruckstörungen

Neurologische Symptome wie -Zittern, innere Unruhe, Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Kribbel- oder Taubheitsgefühle in Armen und Beinen. Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Charakteristisch ist auch ein „benebelter Kopf“ und ausgeprägte Müdigkeit nach Gluten-Verzehr.

Neurologische Erkrankungen wie multiple Sklerose als Autoimmunkrankheit sowie in fortgeschrittenem Lebensalter Morbus Parkinson und Alzheimer Demenz.

Bei Frauen: Hormon- und Zyklusstörungen und reduzierte Fortpflanzungsfähigkeit

Erkrankungen, die mit Mitochondrien-Schwäche einhergehen, wie Fibromyalgie und chronisches Erschöpfungssyndrom

Eine spezifische Hauterkrankung mit der Bezeichnung „Dermatitis herpetiformis Duhring“, die von der klinischen Erscheinung her eine Mischung zwischen Neurodermitis und Akne ist.

Weizen- bzw. Getreide-Sucht: Ein bestimmtes, bei der Verdauung auf sieben Aminosäuren herunter gebrochenes Gluten-Peptid, das Exomorphin „Gliadorphin“ gelangt über die undichte Schleimhaut des Leaky Guts in den Blutkreislauf, überwindet die Blut-Hirn-Schranke und dockt an  Opiat-Rezeptoren an.

Diagnostik Anteil Bevölkerung Klinische Einordnung
Zöliakie-Risiko-Gene ca. 25 – 33 % Gluten-Sensitivität
Gliadin-Antikörper ca. 2-4 % Weizen-Unverträglichkeit
Transglutaminase-
Antikörper
ca. 1 % Zöliakie höchstwahrscheinlich
Atrophie Dünndarmschleimhaut ca. 0,5 % Zöliakie gesichert

Diagnostik       

In der Labordiagnostik werden zunächst der Gen-Test und der immunologische Antikörper-Test eingesetzt. Sind die Ergebnisse positiv, ermöglicht das eine erste klinische Einordnung (siehe Tabelle). Zur Diagnose einer Zöliakie ist eine Darmschleimhautbiopsie notwendig.

Therapie     

An erster Stelle der Therapie steht die Gluten-Vermeidung. Leaky Gut kann mit elementarem Schwefel oder der Bärwurz-Birnenhonig-Kur behandelt werden. Empfohlen wird eine Supplementation von Vitaminen und Spurenelementen bei Mangelzuständen, sowie eine gesunde Ernährung mit reichlich Obst und Gemüse. Zudem sollte Vitamin D, gekochtes Kurkuma und Omega-3-Fettsäuren zugeführt werden.

Manfred van Treek ist Arzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren und Umweltmedizin sowie Mitglied des Präsidiums und wissenschaftlichen Beirates des Deutschen Naturheilbundes eV.