Von Martina Schneider, Foto: creativ collection

Wer krank ist, braucht nicht nur körperliche, sondern auch geistige Versorgung. Wie Spiritualität und Religion zur Heilung beitragen können.

„Nichts im Leben ist wunderbarer als der Glaube – die eine große bewegende Kraft, die wir weder im Gleichgewicht noch im Tiegel prüfen können.“ Das sagte der kanadische Mediziner und Psychologe William Osler, der als Vater der modernen Medizin gilt. Osler stellte Ende des 19. Jahrhunderts erstmals Zusammenhänge zwischen der physiologischen und psychologischen Behandlung eines Patienten her. Wie Spiritualität Medizin sein kann, entdecken Wissenschaftler seit einigen Jahren zunehmend (wieder). Zwischen 2010 und 2015 sogar als Vorlesungsfach „Spiritual Care“ an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Spiritual Care ist eine wissenschaftliche Disziplin, die Medizin, Theologie und Krankenhausseelsorge verbindet und damit vor allem Teil einer ganzheitlichen Palliativmedizin ist. In ihrer Definition von Palliative Care schreibt die Weltgesundheitsorganisation fest: „Zu einer ganzheitlichen Betreuung schwerstkranker Patienten gehört die Vorbeugung und Linderung von Leiden durch frühzeitiges Erkennen, untadelige Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychosozialer und -spiritueller Art.“

Sorgende Haltung

Deshalb, sagt der evangelische Pfarrer Traugott Roser, gehört die Erforschung und theoretische Reflexion über Spiritualität in den medizinischen Zusammenhang und ist seit einigen Jahren auch Inhalt der medizinischen Ausbildung. Roser hat mit dem Jesuiten und Psychiater Dr. Eckhard Frick den ersten und bis dato einzigen Lehrstuhl für „Spiritual Care“ in Deutschland inne gehabt. Inzwischen ist die Stiftungsprofessur ausgelaufen. Weltweit gibt es zahlreiche Forschungsprojekte zu Spiritual Care – auch im Kontext jüdischer und buddhistischer Religionsgemeinschaften – unter anderem in der Schweiz, Israel, USA und Irland. Spiritual Care soll in einer  Lebensphase helfen, wo – von außen betrachtet – vielleicht anderweitig nicht mehr zu helfen ist. „Es geht um Fürsorge, die geistlich sein kann, aber nicht muss. Darum, die Sorgen, Fragen und Bedürfnisse eines Kranken wahr- und ernst zu nehmen. Und zwar nicht nur als Seelsorger, sondern als jeder Mitarbeitende im Gesundheitswesen“, erklärt der Psychiater Eckhard Frick. Allerdings, betont er, beschränkt sich eine spirituelle Fürsorge nicht auf Palliativpatienten: „Sie wird überall dort wichtig, wo Menschen in Grenzsituationen kommen, die Sinnfragen aufwerfen. Das kann bei der Mitteilung einer ernsten Diagnose sein oder auch bei chronischen Krankheiten.“

„Spiritual Care“ ist nur im Namen etwas Neues, nicht im Inhalt. Diese Pflege knüpft an mittelalterliche  Traditionen an. Nonnen oder Mönche führten Krankenhäuser, sie trennten nicht zwischen körperlicher und geistlicher Versorgung, nicht zwischen Medizin und anderen (Natur-) Wissenschaften. Dass der Mensch mehr ist als sein Körper, das menschliche Dasein viele Aspekte hat, die berücksichtigt werden müssen, diese Erkenntnis ist in der Heilkunst anderer Kulturen, etwa der fernöstlichen, tief verankert – und wird zunehmend auch in der westlichen modernen Medizin integriert.

Meditation: Ein Segen

Zum Beispiel Meditation. Längst haben Wissenschaftler nachgewiesen, wie günstig sich diese spirituelle Technik auf das Gehirn und die Gesundheit auswirkt. Bei der Meditation beobachtet man sich selbst und achtet dabei auf die Atmung, seine Gefühle oder Körperempfindungen. „Wir lassen die Alltagsgedanken und Sorgen los und richten die Konzentration auf den inneren Wunsch der Heilung. In dem Moment des absoluten Loslassens und der maximalen Entspannung kann die Heilung durch Selbstheilung entstehen“, beschreibt es der Mediziner Dr. Lothar Hollerbach, Allgemeinmediziner mit Praxis für Ganzheitsmedizin in Heidelberg, der Meditation therapeutisch einsetzte.

Meditation könnte das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen verringern, ist Ergebnis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse der American Heart Association. Studien ergaben, dass Meditation möglicherweise mit einer Verminderung von Stress, Angst und Depression sowie einer Verbesserung der Schlafqualität einhergeht. Darüber hinaus könnte sie helfen, den Blutdruck zu senken und die Raucherentwöhnung unterstützen. Zen oder die Kunst, den Schmerz zu lindern: Kann man durch meditative Übungen gegen Schmerzen unempfindlicher werden? Ja, sagen Fakire und buddhistische Mönche. Inzwischen auch Gehirnforscher. Dass Meditation die Schmerzwahrnehmung beeinflussen kann und dies mit bedeutsamen funktionellen und strukturellen Veränderungen des Gehirns einhergeht, wurde in den vergangenen Jahren durch eine Reihe von Studien bestätigt.

Hilfreiches Yoga

Yoga hilft – bei chronischen Schmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder psychischen Belastungen, hat der Psychologe und Privatdozent Dr. Holger Cramer nun eine positive Bilanz seiner Untersuchungen gezogen. Der Forschungsleiter an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Kliniken Essen-Mitte hat mehr als 300 randomisierte Studien in seine Auswertung einbezogen. Während Laien Yoga meist mit dem Einnehmen teils skurriler Haltungen gleichsetzten, umfasse die ursprüngliche Lehre noch eine Vielzahl weiterer Aspekte, so der Psychologe. Dazu zählen auch Übungen zur Konzentration und Meditation, zu Selbstdisziplin und Atemkontrolle. Die Art der Übungen sei dabei mitentscheidend für den therapeutischen Erfolg. „Gegen Bluthochdruck etwa haben sich Yoga-Übungen als besonders wirksam erwiesen, die sich auf die Atmung konzentrierten“, sagt Cramer. Offenbar setzen diese als Pranayama bezeichneten Übungen körpereigene Mechanismen in Gang, die die Auswirkungen von chronischem Stress mildern. Der meditative Aspekt des Yoga wiederum scheint Patienten mit leichten Depressionen gut zu tun.

Die Veröffentlichung dieses Textes erfolgte mit freundlicher Genehmigung von CO.med, dem Fachmagazin für Komplementärmedizin. Dort erschien die ungekürzte Originalfassung unter dem Titel „Gott als Medizin“ in der Ausgabe des Monats August 2018.

Martina Schneider ist als Heilpraktikerin, Wingwave®-Coach, Reikimeisterin/-lehrerin, NLP-Master (DVNLP) in eigener Praxis in -Altenahr-Kreuzberg tätig. Sie leitet das Seminarhaus Schlüsselblume.
www.naturheilpraxis-in-kreuzberg.de

Adressen

Eine Übersicht über Yogalehrer gibt es beim Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland e.V., www.yoga.de

  • Christliche Meditationsstätte mit vielfältigem Angebot zu den Themen „Meditation“, „Fasten“, „Achtsamkeit“: Sonnenhaus Beuron – Eine Welt.
    www.sonnenhaus-beuron.de
  • Open Hands heißt die Schule des Handauflegens, die von der Heilerin Anne Höfler gegründet wurde. www.anne-hoefler.de